Unfall: Trotz Amputation Ausbildung beendet

Eine Übernahmequote von 92 Prozent, sieben aktuell mögliche Ausbildungsberufe und zahlreiche Benefits wie Gleitarbeitszeiten, Zuschüsse, Vorsorge oder die Beteiligung am Unternehmenserfolg durch ein Bonussystem: Der Kölner CRM-Hersteller FlowFact AG hat in den letzten Jahren seine Nachwuchsförderung systematisch ausgebaut. „Nachwuchsförderung ist für uns vor allem das Erkennen und Fördern von individuellen Talenten“, erklärt HR-Spezialistin Jana Stollenwerk.

Stefan – Und plötzlich Azubi zum Fachinformatiker

Azubi Fachinformatiker

Stefan: heute Azubi zum Fachinformatiker

Schlummerndes Talent fand die FlowFact AG auch in Stefan Weingarten. Stefan ist heute Auszubildender zum Fachinformatiker für Systemintegration im ersten Jahr, startete seine Ausbildung aber 2007 bei Deutz als Industrie-Mechaniker – bis 2008 ein Motorradunfall sein Leben von Grund auf änderte. Schon immer handwerklich begabt, trat Stefan nach der Mittleren Reife an der Gesamtschule Holweide in die Fußstapfen seines Vaters, der als Schlosser ebenfalls für Deutz arbeitet. Im Juni 2008 dann brach beim Schalten vom zweiten in den dritten Gang das Hinterrad seiner Maschine aus, und Stefan startete mit offenem und mehrfach gebrochenen Unterschenkel seine Krankenhaus-Odyssee. Bis 2011 war er wegen Operationen und Entzündungen mehr im Krankenhaus als zu Hause oder in der Berufsschule.

Nach der 20. Operation entschied er sich dann aus eigenem Antrieb für die Ultima Ratio: eine Amputation. „Nach der dritten Entzündung erschien mir der Weg immer attraktiver, und ich habe damit angefangen, mich aktiv mit der Möglichkeit einer Amputation des Unterschenkels auseinander zu setzen“, blickt Stefan zurück Damit hat er sich bewusst gegen die Alternative, einen Teil des Knochens zu entfernen und den Rest über anderthalb bis zwei Jahre zu strecken, entschieden.

Im April 2011 dann wurden ihm Unterschenkel und Fuß abgenommen. Eine selber zu dosierende Schmerzpumpe machte den Wundschmerz erträglich, die Phantomschmerzen mussten durch physische und psychische Therapiemaßnahmen bekämpft werden. „Ich merke immer noch starke Wetterumschwünge im Fuß oder Unterschenkel“, so Stefan. Fünfeinhalb Wochen hat er gebraucht, viel trainiert und kurz vor der Reha seine Prothese bekommen: „Das Laufen auf dem Bein war für mich neu. Ich hatte jetzt drei Jahre das Bein kaum benutzt. Dadurch waren kaum Muskeln da.“ Viel Muskelaufbautraining half, um nach drei Wochen auf dem Bein gehen und stehen zu können. Dabei war seine spezielle Situation auch für die Physiotherapeuten neu: „Normalerweise arbeiten die mit älteren Patienten, bei denen die Hauptsache ist, dass sie sicher gehen können. Ich musste aber darauf vorbereitet werden, wieder aktiv am Leben teilzunehmen“, erzählt Stefan.

Keine Chance die Ausbildung als Industriemechaniker zu beenden

Ende Juli konnte Stefan die Krücken endlich auf die Seite legen – und musste sich erst einmal beruflich komplett neu orientieren. Er hatte keine Chance, die alte Ausbildung weiterzuführen: „Als Industriemechaniker musst Du viel laufen, stehen, Sachen schleppen, oft auch 40 oder 50 Kilo tragen. Keine Chance mit Prothese“, so Stefan. Und das, obwohl ihm der Betrieb angeboten hatte, zurückzukommen. Der Verein für Soziale Bildungsarbeit e.V. – dieser wurde von der Unfallkasse eingeschaltet, um Stefan wiedereinzugliedern – startete in der Zusammenarbeit mit ihrem neuen Kunden mit einem grundlegenden Wissenstest. Hier wird erforscht, was der Stand ist, was zumutbar ist etc. „Glücklicherweise kam heraus, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte, sofern es mit der Prothese vereinbar ist“, erinnert sich Stefan. Weil er immer schon viel mit PCs zu tun hatte, auch in der Familie immer der Ansprechpartner war, wenn es darum ging, einen neuen Rechner einzurichten oder ein W-LAN aufzubauen, setzte er den Schwerpunkt auf Informatik. Allerdings konnte keine Umschulungsmaßnahme absolviert werden, weil die erste Ausbildung abgebrochen wurde. Doch er hatte Glück. Die Unfallkasse entschied individuell aufgrund seines Alters und der Geschichte und genehmigte die Finanzierung einer richtigen Ausbildung.

Dann ging die Suche los. Sowohl Stefan selber als auch der Verein für Soziale Bildungsarbeit sichteten sämtliche Informatiker-Berufe und telefonierten mit zahlreichen Unternehmen. Um die 40 Kontakte wurden so geknöpft, bis die FlowFact AG ein Volltreffer war. „Meine Beraterin hatte mit Johanna Dinges, der Personalleiterin der FlowFact AG, telefoniert und mich gleich darauf angerufen, um mir zu sagen, dass Interesse besteht. Bevor ich überhaupt aufgelegt hatte, klingelte schon mein Handy, und Johanna war dran“, beschreibt Stefan. Nach einem Vorstellungsgespräch mit der HR-Leiterin und dem verantwortlichen Administrator trat Stefan am 21.11.2011 ein Praktikum in der Administration der FlowFact AG an. Zum 1.8. des Folgejahres startete er seine offizielle Ausbildung zum Fachinformatiker Systemintegration.

Die neue Ausbildung zum Fachinformatiker

Nach drei Jahren Abstinenz von allem, 21 Operationen und einer schwerwiegenden Entscheidung ist Stefan endlich angekommen. „Trotz meines Starts als Praktikant war ich von Anfang an voll integriert. Wichtige Aufgaben, wo richtig was dahintersteckt, und echte Verantwortung für die Probleme von Kollegen und Kunden gaben und geben mir täglich das Gefühl, nicht nur Azubi zu sein. Hinzu kommt, dass die FlowFact AG ihre Auszubildenden durch die verschiedenen Abteilungen schleust. Dadurch lernt man nicht nur viel über die Strukturen der Organisation, sondern verbessert auch sein eigenes Wissen über die Software und ihre Eigenheiten. Zum Beispiel im Help Desk, wo minütlich echte Kunden mit echten Problemen gute Lösungen brauchen.“
Stefan trauert nicht seiner ersten Ausbildung hinterher, hat aber nun auch viel Freude in seiner Ausbildung als Fachinformatiker. Aber sein Herz blutet, wenn er Motorradfahrer sieht, denn das Hobby liegt hinter ihm. „Sonst kannst du alles machen. Du musst nur deinen Weg dahin kennen.“