Diskriminierung in der Ausbildung – Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Vor ein paar Wochen erreichte uns ein persönlicher Erfahrungsbericht von Melanie. Sie musste in ihrer Ausbildungszeit so einiges ertragen und bat uns, ihre Erfahrungen hier zu veröffentlichen. Wenn der ein oder andere Leid in seiner Ausbildung erfährt, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt oder diskriminiert wird, lasst euch das nicht gefallen! Es gibt zahlreiche Hilfen, an die ihr euch wenden könnt!

 

Melanies Ausbildungs-Erfahrungsbericht

Hallo liebes azubister Team 🙂

Neulich hab ich auf eurer Internet-Seite einen Bericht gelesen : “Traumberuf gefunden … Ein Erfahrungsbericht“. Dieser Bericht hat mich sofort angesprochen, weil ich selbst, was die Ausbildungsgeschichte angeht, einiges durchgemacht habe und nun endlich meine Traum-Ausbildung gefunden habe. Und ich dachte, vielleicht könnte ich euch auch meine Erfahrungen mit dem Thema schreiben, denn es könnte dem ein oder anderen auch Mut machen.

2012 hab ich meinen Realschulabschluss gemacht. Endlich lagen 11 lange anstrengende Schuljahre hinter mir, endlich konnte ich arbeiten! Schon in der Schulzeit genoss ich die 2 Wochen Praktikum, die wir in der 8. und dann nochmal in der 9. Klasse absolvieren mussten, bevor es dann in der 10. Klasse nur noch um Prüfungsvorbereitung ging. Ich hatte die Motivation im Laufe der Jahre verloren und wollte nur noch arbeiten. Ich wollte abends mit Muskelkater heimkommen, um zu wissen, dass ich am Tag etwas geschafft habe, und das ging in der Schule nicht.
Umso stolzer und glücklicher war ich auf der Abschlussfeier. Endlich ging das Leben wirklich los!

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber kenne Deine Rechte als Lehrling

Doch zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen was ich die nächsten 1 1/2 Jahre erleiden müsste!

Ich musste nach dem Abschluss noch 3 lange Wochen warten und bangen, denn bis dato hatte ich noch keine Zusage für eine Ausbildung bekommen! Ich hatte mich für eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin beworben. Doch dann meldete sich ein Mann und lud mich spontan zum Einstellungstest und Probearbeiten ein. Erst machte er einen guten Eindruck. Seine Frau war nett, beide waren stark gläubig und das strahlten sie auch aus. Doch als die Ausbildung dann endlich losging begann auch der Druck, unter dem ich stand.

Mein Chef stellte seinen Glauben über die Arbeit. Da er immer noch ein zweites Frühstück zuhause machte und noch lange betete, fingen wir oft erst gegen 10 Uhr mit der Arbeit an. Das war nicht mal das Schlimme! Schlimm wurde es als er anfing, mich vor Kunden lauthals anzubrüllen, und oft sogar die Hand gegen mich erhob. Oder dass wir viel zu oft in der Woche 12 Stunden am Tag arbeiteten. Ich bekam immer mehr zu spüren, dass er frauenfeindlich war!
Er hatte absolut keinen Respekt, stellte sich oft sogar direkt neben mich und pinkelte.
Manieren schien er also auch nicht zu haben. Er drohte mir oft, mich rauszuschmeißen; und die Brüllereien waren bald an der Tagesordnung. Ich konnte nichts richtig machen … Ich war/bin eine Frau! Zu dem Zeitpunkt wusste ich allerdings auch nicht, dass ich als Lehrling Rechte habe und mich hätte an jemanden wenden können, außerdem konnte ich mit dem Begriff “Abmahnung” nichts anfangen!

An einem Freitag erhob er wieder die Hand gegen mich und schrie mich an bis ich ausrastete und zurück schrie – das erste Mal in den bis dahin 6 Monaten, dass es mir zu viel wurde. Am folgenden Sonntag bekam ich einen Nervenzusammenbruch, ich schrie und weinte und wollte nicht mehr dort hin. Ich konnte nicht mehr!
Es ging nicht mehr, mein Körper hielt dem Druck nicht mehr stand und ich wurde immer häufiger krank. Zu oft wurde ich vor fremden Kunden vom Chef bloßgestellt, zu oft beleidigt und bedroht. An dem Tag bekamen auch endlich meine Eltern mit, dass an den Schimpfereien über meine Ausbildung mehr dran war als bloße Unlust auf Arbeit. ICH WAR NICHT FAUL … ICH WAR KRANK GEWORDEN!!!

Hilfe bei Diskriminierung und Fehlverhalten des Ausbilders

Endlich hielten meine Eltern zu mir und unterstützten mich, da rauszukommen. Doch zuvor war ich gezwungen, noch einen weiteren Tag bei ihm zu arbeiten. Eines Montags rief er an und brüllte meine Eltern durchs Telefon an, dass ich auf der Arbeit zu erscheinen hätte, sonst bekäme ich eine Abmahnung. Wie gesagt, zu dem Zeitpunkt wusste ich mit dem Begriff noch nichts anzufangen. Ich dachte, die Polizei würde kommen und mich zur Arbeit fahren. So wie es bei Schulschwänzern der Fall ist. Mein Freund blieb dann den ganzen Tag mit dem Auto vor der Baustelle stehen, um auf mich aufzupassen.
Ab nachfolgendem Dienstag rief er im 10-Minuten-Takt bei uns zuhause an und mit jedem Anruf versicherten meine Eltern ihm, dass ich nie wieder bei ihm arbeiten kommen würde. Sie stellten sich endlich schützend vor mich und halfen mir gemeinsam mit meinem Freund, die Situation durchzustehen. Der Rest wurde dann nur noch über den Schriftverkehr geregelt. Wir einigten und zum Schluss auf einen Aufhebungsvertrag und ich war endlich frei! Fürs erste …

Schon damals hatte ich das Gefühl, Hilfe zu brauchen. Vielleicht einen Psychologen, der mir hilft, die vergangenen 6 Monate zu verarbeiten. Doch da ich schon immer ein fröhliches Mädchen war und sehr positiv eingestellt war, konnte ich auch nach dieser harten Zeit noch lachen und lächeln. Ich dachte, solange ich das noch kann, habe ich kein Recht auf professionelle Hilfe!

Glaube an Dich – Kämpfe um die Ausbildung zu deinem Traumberuf, aber nicht um jeden Preis

Ich bewarb mich also weiter in diesem Beruf, denn ich wollte das alles nicht umsonst durchgemacht haben!
Ich wünschte, ich hätte da schon den Schlussstrich gezogen und mich bis zum nächsten Ausbildungsbeginn erholt, aber ich wollte diese Ausbildung weitermachen. Nur halt in einem anderen Betrieb. Durch eine Klassenkameradin aus der Berufsschule kam ich in eine andere Firma.

Da ging es auch erst gut los. Alle waren nett und freundlich nur die Chefin war eine Hexe! Eine der besonders bösartigen Sorte! Ab und an erhielt ich den Hinweis von verschiedenen Kollegen, bloß nichts Persönliches über mich zu erzählen. Ich dachte, was sollte ich schon großartig erzählen? Dass ich schon seit Jahren eine  festen Freund habe? Einen Hund zuhause? Was konnte daran denn so schlimm sein? Im Laufe der Zeit bemerkte ich dann, was sie damit meinten. Alles – aber auch wirklich jedes kleinste Detail – egal wie, konnte gegen einen gerichtet werden, indem es falsch weitergegeben wurde! Mit voller Absicht.

Da ich mich dort lieber mit Männern umgab, weil die nicht so zickig waren und total lustig und locker, war ich schon bald die “Firmen-Hure“. Ich hatte mit jedem Mann dort was am Laufen. Genau wie ein Lehrlingsmädel aus einem anderen Lehrjahr, das sich lieber mit Jungs als Mädels umgab! Egal ob alt oder jung, über mich rutschte natürlich die ganze Männerfraktion der Firma! Schlimm mit mir! So ein Mist wurde dort erzählt!
Lenkte man als Lehrling zu viel Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich, war man im Visier der Zickerein und diese entwickelten sich im Laufe der Zeit zu richtig schlimmem Mobbing, bei dem auch die Chefin mitwirkte. Ich hatte in dieser Firma bald keinen mehr, der offen hinter mir stand. Keinen, der die Hand auf meine Schulter legte, um mich mit Blicken zu trösten.  Nichts, ich war auf mich allein gestellt. Hatte ich Fragen, bekam ich keine Antworten und böse Blicke. Auch dort konnte ich nichts richtig machen …
Wieder schien der Grund dafür zu sein, dass ich eine Frau bin und wohl zu viele Blicke auf mich zog. Am besten hätte ich mir eine Papiertüte mit der Aufschrift “Firmenmatratze” über den Kopf stülpen sollen. Dann hätte es zumindest etwas komisches gehabt!

Dass ich in der ersten Firma, in der ich war, so schlecht behandelt wurde, wussten dort natürlich alle. Die Chefin konnte dieses Detail nicht für sich behalten und schürte damit einen weiteren Grund, mich zu hassen. Denn laut den Arbeitern war das alles nur Einbildung. Oder ich war zu aufdringlich und hatte diese Behandlung verdient! Und so weiter und so fort. Anscheinend gab es in der Firma kein anderes Thema mehr. Drehte ich mich weg, wurde getuschelt. Das waren noch die anständigeren unter den zahlreichen Arbeitern dort!

Es gab 3 Frauen, die offen ihren Hass auf mich zeigten! Die Chefin, ihre Lieblings-Azubine und eine Vorarbeiterin. Den guten Ruf musste man sich dort erkaufen. Entweder verkaufte man seinen Urlaub um die stetig anwachsenden Minusstunden auszugleichen, und stand trotzdem jeden Samstag auf der Matte, um von 6 Uhr bis 15 Uhr zu arbeiten. Oder man schleimte, was das Zeug hält! Und genau so hatten sich die beiden ihren Stand dort erkauft! Und somit wohl auch das Recht, den Lehrling, der schon so viel durchgemacht hatte, zu mobben!

Als wir einmal auf einer Baustelle waren, etwa 300 km vom Heimatort entfernt, wurde mir eine Aufgabe zugetragen, die ich allein nicht in der vorgegebenen Zeit hätte schaffen können. Doch es wurde noch schlimmer! Die Vorarbeiterin drohte mir, mich nicht wieder mit heim zu nehmen, wenn ich den halben Kilometer Unkraut nicht innerhalb 2er Stunden sauber gezogen hätte! Dann fuhr sie weg und lies mich dort allein.
Ich bekam Panik und rief meinen Freund auf der Arbeit an. Ich konnte nicht anders. Ich wollte endlich eine Stimme hören, die mir nichts Böses wollte, die mich tröstete. Mein Spatz tröstete mich und versicherte mir, es würde alles gut werden! Natürlich schaffte ich es nicht allein und die Vorarbeiterin machte sich einen Spaß daraus, mich zittern und weinen zu sehen!

Sie genoss es, mich leiden zu lassen, genau wie der Rest der Firma. Solche Vorfälle nahmen die Überhand. Eines Morgens in der Firma wurde ich sogar aus dem Auto geschmissen mit den Worten “Ich nehm dich nicht mehr mit. Such dir nen anderen, der dich mitnimmt. Wir brauchen dich hier nicht!”
Und eigentlich hätte ich heimgehen können, hätte dann aber einen Fehltag gehabt. Also rannte ich in Panik über den Hof, um jemanden zu suchen, der mich mit auf die Baustelle nimmt. Widerwillig nahm mich dann jemand mit und schickte mich danach weit abseits, um Unkraut zu ziehen und mich nicht sehen zu müssen. Ich wurde immer einsamer und kränker und fing sogar irgendwann an, Selbstgespräche zu führen, um wieder eine Stimme zu hören, die mich tröstete. Man kann sich vorstellen, dass das in der Firma wieder breitgetreten wurde.

Zusammenbruch als Neuanfang – Durch einen Ausbildungswechsel fand ich meinen Traumberuf

Nach insgesamt 1 1/2 Jahren sagten mein Körper und mein Verstand, dass es nicht mehr ging. Ich brach die Ausbildung ab, nachdem ich 3 Monate lang einen Krankenschein hatte, und vergeblich versuchte, in eine andere Firma zu kommen. 1 1/2 Jahre voller Hass und Mobbing lagen hinter mir und das hatte seine Spuren hinterlassen.
Endlich bekam ich Hilfe von Psychologen und sogar Psychiatern. Ich hatte Depressionen, Angststörungen und eine starke Wesensänderung und durchlitt durch das Erlebte die schlimmsten Albträume. Ich konnte nicht mehr auf die Straße, schaffte es nicht mehr, anderen Leuten in die Augen zu sehen, und verlor das Vertrauen in die Welt.

Ohne meinen Freund, der mittlerweile mein Ehemann ist, hätte ich es nie durch diese Zeit geschafft! Ich brauchte sogar nur ein halbes Jahr Therapie, wo anderen 3 Jahre brauchen, weil ich von Natur aus fröhlich und positiv eingestellt bin. Endlich lernte ich wieder, mich und die Welt zu akzeptieren und das Erlebte zu verarbeiten.
Ich lernte auch, dass jeder Anspruch auf Hilfe hat, egal wie schlicht einem seine Probleme auch vorkommen, denn jeder empfindet anders!

Mittlerweile ist die ganze Schmach fast ein Jahr her. Ich habe inzwischen viel mehr mit Menschen zu tun als ich es je vorhatte, denn ich arbeite in einem Eiskaffe, irgendwie muss ja auch ich was zum Lebensunterhalt beisteuern 🙂
Und durch diese Arbeit habe ich zu meinem Traumberuf gefunden: Den Einzelhandel!
Der Kontakt mit Kunden, das Beraten und Kassieren machte mir so viel Spaß dass ich mich bei Rossmann bewarb und im Auswahlverfahren so hervorstach, dass ich meine Ausbildung mit Leichtigkeit bekam. Seit dem ganzen Debakel mit meiner letzten Ausbildung habe ich mich sehr verändert, bin stärker und selbstbewusster geworden und würde mir so etwas nie wieder gefallen lassen!

Mein neuer Arbeitgeber hat mich wieder auf einen guten Weg gebracht. Die Kollegen in meiner Filiale sind alle super lieb. Beim Probearbeiten hatte ich so viel Spaß und Rossmann hat mir die Angst vor der Ausbildung genommen.
Ich freue mich jetzt schon richtig auf die Azubi-Begrüßungstage und auf das, was vor mir liegt. Ich werde aus meiner Zukunft die schönste Zeit meines Lebens zu machen!

Lehrjahre sind keine Herrenjahre? ! … Hmh, dass ich nicht lache! Es kommt auf die Einstellung an! Mit Motivation werden es die besten Jahre eures Lebens, und ich habe so viel Motivation für meine bevorstehende Ausbildung, dass mir alles viel einfacher von der Hand geht.

An alle, die ähnliches durchleben: Ihr habt Rechte! Es gibt immer Mittel und Wege, Ansprechpartner und Hilfen, die ihr in Anspruch nehmen könnt! Vergesst den Spruch “Lehrjahre sind keine Herrenjahre!” Macht eure Ausbildung zu etwas Besonderem auf das ihr immer wieder gern zurückblickt! Ihr habt es in der Hand! Ihr entscheidet, wie es läuft! Macht was draus! 🙂